Turnverein Wintersdorf e.V. 1919

Aus der Anfangszeit: Vorsitzender Heinrich Sprauer (links) mit den Aktiven des TV Wintersdorf.

Frisch, fromm, fröhlich, frei

Vor 100 Jahren kam die Turnidee in Wintersdorf an

Das Jahr 1919 turbulent zu nennen, wäre reichlich untertrieben. Der Erste Weltkrieg  war im November 1918 zwar offiziell beendet worden, aber die Wunden des Krieges waren noch längst nicht verheilt: Das Kaiserreich war Geschichte, und was danach kommen sollte, noch  hart umkämpft. Dennoch war wohl auch so etwas wie Aufbruchsstimmung in der jungen Republik und auch in der badischen Provinz auszumachen. Schon im Januar war der Achtstundentag in Kraft getreten, die Weimarer Nationalversammlung hatte den aus Heidelberg stammenden  Sozialdemokraten Friedrich Ebert im Februar zum ersten Reichspräsidenten gewählt. Und seit dem  11. August hatte Deutschland  eine demokratisch-parlamentarische Verfassung. Kaum 14 Tage später, am 24. August 1919, schlug  auch im Gasthaus „Zum Hirsch“ in Wintersdorf eine kleine  historische Stunde: der Turnverein wurde aus der Taufe gehoben. 

Die Gründer des Turnverein Wintersdorf

Damit war die von Friedrich Ludwig Jahn (1778-1852) initiierte Turnidee angekommen, wenn auch recht spät, bedenkt man, dass der älteste  deutsche Turnverein, der TSV 1814 Friedland (Mecklenburg), gut 105 Jahre zuvor gegründet worden war.
Damals war Turnen eine reine Männersache: 32 (22 Aktive, zehn Passive) von ihnen unterzeichneten die Gründungsurkunde – ein Wirt,  ein Kaufmann, Bahnarbeiter  und etliche Handwerker. Darunter auch Berufe, die es heute nicht mehr oder  kaum mehr gibt. Der Turnverein Wintersdorf schrieb trotz der schwierigen Zeitumstände – die bis  Ende 1923 dramatisch steigende Inflation verhinderte manchen Plan – eine sportliche wie gesellschaftliche Erfolgsgeschichte. Der Kaufmann Heinrich Sprauer, der zum ersten Vorsitzenden des TVW gewählt worden war,  und sein Bruder Max hatten in den  Gründungsjahren dem Verein auch wirtschaftlich unter die Arme gegriffen, so heißt es. Und  der TVW konnte sich trotz aller Widrigkeiten schon 1921 eine Vereinsfahne leisten. Ein offenbar wichtiges Symbol in einer nicht gerade fahnenarmen Zeit. Zum ersten Fahnenträger wurde Heinrich Hauns gewählt, der das Amt nach seiner Wahl zum stellvertretenden Vorsitzenden an Otto Reinbold übergab. Schon im Herbst des Gründungsjahrs verfügte der Verein über Barren, Reck, Pferd und einen Turnboden. Trainiert wurde zunächst im Saal des Vereinslokals „Zum Hirsch“ oder auf der „Turnwiese im See“.
Ende des Jahres hatte sich die Mitgliederzahl des Vereins auf 66 geschraubt und damit mehr als verdoppelt. Und die  sportliche Erfolgsgeschichte wurde weitergeschrieben, was nicht zuletzt mit der 1928 gegründeten (Feld-)Handball-Abteilung zusammenhing: Schon 1929 wurde die Mannschaft Vizemeister im Turngau.

Der Verein wächst: Schon wenige Jahre nach der Gründung ist der TVW ein Anziehungspunkt für die Jugend des Dorfs.

Hatte der Verein die Weltwirtschaftskrise noch irgendwie überstanden, so musste er vor dem nächsten Sturm die Segel streichen. Mit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten geriet die Turnidee in Deutschland unter Druck – obwohl sich die Deutsche Turnerschaft, der Dachverband der deutschen Turnvereine im Reich, nach Kräften bei den Nazis anzubiedern versuchte. Für die Vereine vor Ort wurde das Überleben nach 1933 jedenfalls immer schwieriger. Die Chronisten berichten von erheblichen Störungen auch im Betrieb des Wintersdorfer Turnvereins, die zunächst  in der Auflösung der so erfolgreichen Handballmannschaft gipfelten. Im Juli 1933 wurde der TVW  durch die polizeiliche Verfügung der Gendarmerie Plittersdorf sogar vorübergehend aufgelöst, weil man sich der Gleichschaltung der Turnvereine, das heißt: der Einbeziehung in die Organisation der Nationalsozialistischen Partei (NSDAP), widersetzt hatte.  Das Einlenken des TV Wintersdorf sorgte nur für eine kurzzeitige Entspannung: Das Bezirksamt Rastatt hatte dem Verein die Weiterführung nämlich nur unter der Maßgabe erteilt, sich mit dem Sport-Club 1932 Wintersdorf zusammenzutun. Diesem Ansinnen verweigerte sich der Turnverein allerdings auf einer außerordentlichen Mitgliederversammlung, was umgehend eine Reaktion der Obrigkeit herausforderte. „Der bei der Versammlung anwesende Gendarmerie-Wachtmeister Wolf aus Plittersdorf verhängte daraufhin   eine Ordnungsstrafe und verbot gleichzeitig die Abhaltung eines Gartenfestes“, berichtet die Vereinschronik. Das war wohl der Anfang vom vorläufigen Ende: Die letzte Generalversammlung vor dem Krieg  ging laut Annalen am 22. Februar 1936 über die Bühne, der Turnbetrieb musste nach und nach eingestellt werden.

Ein Grund zum Feiern: Zum 50. Jubiläum steht der TV Wintersdorf wieder auf eigenen Beinen.

Und auch nach dem  Ende des „Tausendjährigen Reichs“ und des Zweiten Weltkriegs hatten es die Turner schwer. Die deutsche Turnerschaft stand unter einem nicht gänzlich unbegründeten nationalistischen Generalverdacht, die Besatzungsmächte untersagten alle turnerischen Aktivitäten. Und selbst als das Allgemeinverbot 1947 aufgehoben wurde, gab es für die Wintersdorfer Turner noch kein Happy End: Die französische Militärverwaltung in Rastatt lehnte den Antrag auf eine Gründungsveranstaltung in Wintersdorf ab. Erst ein Jahr später und nach langwierigen Verhandlungen, an denen Otto Schaaf, Alfred Großklaus und Otto Uhrig beteiligt waren, und einem Kompromiss gab das Gouvernement nach: Am 23. Mai 1948 durfte ein Sportverein gegründet werden – mit den Abteilungen Turnen und Fußball. Als Vorsitzender wurde Otto Schaaf gewählt, die Leitung der Turnabteilung des TuS Wintersdorf übernahm Max Schaaf und später Alfred Großklaus.
Die Zwangs-Ehe zwischen Turnern und Fußballern hielt auch nach dem Rücktritt von Otto Schaaf im Jahre 1958 an, aber eine richtige Liebe wurde eben nicht mehr daraus. Alfred Hauns wurde zum neuen und letzten TuS-Vorsitzenden gewählt. 1967 beschlossen Fußballer und Turner, getrennte Wege zu gehen, der Turnverein erlangte unter seinem früheren Namen Turnverein 1919 e.V. Wintersdorf wieder seine Selbstständigkeit. Erster Vorsitzender wurde Alfred Großklaus. Der Turnverein wandelte sich. Zwar wurde immer noch der klassische Turnsport gepflegt, aber neben dem Leistungssport nahm der  sogenannte Breitensport einen zunehmend größeren Raum ein.  Und noch eines hat sich grundsätzlich gewandelt: Rund die Hälfte der 800 Mitglieder des Turnvereins 1919 Wintersdorf sind heute weiblich.

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